Spiel mir nicht das Lied vom Theatertod: Die Leitung eines Stadttheaters/einer Produktionsstätte

Nico Dietrich, Foto: Jo Quast
Tobias Sosinka, Foto: Jo Quast

Nico Dietrich und Tobias Sosinka, Leitung Junges Theater Göttingen

Die Leitung des Jungen Theaters Göttingen hat es geschafft, ihr kleines Theater kreativ und besonnen durch die Krise dieses Jahres zu führen und den Spielbetrieb unter ganz besonders schwierigen Bedingungen aufrecht zu erhalten. Sie hat das Haus für freie Künstler*innen geöffnet und ihnen in dieser schwierigen Zeit eine Existenz ermöglicht und ein Zuhause gegeben. Zu diesem Zweck wurde Geld gesammelt und Fördermittel eingeworben. Aus dem stehenden Ensemble wurde niemand entlassen, die freien Mitarbeiter*innen erhielten Verdienstausfallszahlungen, und es werden in der neuen Spielzeit sogar noch mehr Kollegen aus der freien Szene am Hause beschäftigt als bisher.

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Tobias-Ehinger, Foto: Theater-Dortmund

Tobias Ehinger, geschäftsführender Direktor Theater Dortmund

Trotz der Corona-Maßnahmen, die die komplette Einstellung des Spielbetriebs bedeuteten, stellte das Theater Dortmund unter der Leitung von Tobias Ehinger seine Kreativität mit neuen Formaten unter Beweis. Die Werkstätten des Theaters stellten in kürzester Zeit die Produktion auf Nase-Mund-Masken und Spuckschilder um, die an städtische Einrichtungen gingen und damit einen Beitrag zum Wohl der Allgemeinheit leisteten. Künstlerische Produktionen waren zwar nur noch online, dafür jedoch einem weltweiten Publikum zugänglich. Mit neuen Formaten wie „Musik auf Rädern“ und den „Terrassenkonzerten“ sorgte das Theater Dortmund für die künstlerische Grundversorgung der Stadt. Die Aktivitäten erregten ein überregionales bis internationales Interesse. Ein Bericht der BBC World News über das Dortmunder Ballett erreichte weltweit 60 Mio. Zuschauer*innen.

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Michael Grosse, Foto: Matthias Stutte
Manuel Gross, Foto: Matthias Stutte


Michael Grosse (Generalintendant), Michael Magyar (ehemaliger Geschäftsführer),
Frank Baumann (Geschäftsführer seit August 2020), Manuel Gross (Ballettmanager), Theater Krefeld-Mönchengladbach

Selten erlebt man, dass eine Hausleitung sich mit so viel Energie und finanzieller Großzügigkeit für eine „kleine“ Tanzsparte einsetzt wie die Leitung des Theaters Krefeld-Mönchengladbach.

Für Tänzer*innen ist Situation im verordneten „Home-Office“ äußerst schwierig und kann ein gefährlicher Einbruch der Tanzkarriere bedeuten. In Sorge um die körperliche und psychische Gesundheit und mit großem Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Ballettensemblemitglieder wurde eine große Halle angemietet, der vorhandene Schwingboden um die gleiche Fläche verdoppelt und mobile Stangen gekauft. Das Ensemble trainiert und probt dort bequem und sicher seit Juni. Das gibt den Tänzer*innen ein gutes Gefühl der Sicherheit und Unterstützung. So waren alle Sparten einsatzbereit, schafften es ohne Kurzarbeit durch die Spielzeit und spielten schon im Juni wieder vor Publikum.

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Eva Lange und Carola Unser, Foto: Neven Allgeier


Eva Lange und Carola Unser, Intendantinnen Hessisches Landestheater Marburg

Carola Unser und Eva Lange setzen als Intendantinnenteam das um, was von vielen Theaterleitungen als „unpraktikabel“ abgetan wird: ein paritätisch besetztes Ensemble, Kommunikation auf Augenhöhe mit den Mitarbeiter*innen, Familienfreundlichkeit, regelmäßige Gespräche zu politischen Themen und darüber wie diese Diskurse Einzug in die Theaterpraxis am Haus halten können. Während der Pandemie geben sie den finanziellen Druck nicht weiter: Ensemblemitglieder sowie Gäste und Mitarbeiter*innen erhalten weiterhin 100% Gehalt bzw. Honorar. Ihr solidarischer Führungsstil beweist, dass Druck von oben keine Voraussetzung für relevante Theaterarbeit ist.

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Michael Müller, Foto: Theaterdiscounter


Michael Müller, Georg Scharegg und das Team des Theaterdiscounter Berlin

Für Michael Müller und Georg Scharegg bedeutet die Leitung einer Spielstätte mehr als Programmgestaltung, was sich insbesondere im letzten halben Jahr deutlich zeigte.

Sie vermittelten Open-Air-Gastspiele an Kollektive, die so trotz abgesagter Vorstellungen spielen konnten. Mit viel Kraft erarbeiteten sie zusammen mit den Künstler*innen eine eigenständige digitale Version des MONOLOGFESTIVALS, damit die Beteiligten spielen und Zuschauer*innen ein rundes Festival Zuhause erleben können. Sie motivieren, beraten und denken die Künstler*innen immer mit. Sie suchen neue Wege und sind in der Kulturszene ein verlässlicher und souveräner Ansprechpartner.

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Anke Politz, Foto: Kooné


Anke Politz und das Team des Chamäleon Theater, Berlin

Anke Politz hat sich während der Corona-Krise in außerordentlichem Maße für die Künstler*innen ihres Hauses und der Freien Szene eingesetzt. Die aus Australien eingereisten Künstler*innen, die dort ab März für einige Monate auftreten sollten, hat sie jeden Tag betreut, mit Informationen, Trainingsmöglichkeiten, Arztterminen, Übersetzungen usw. versorgt. Sie hat ihnen Wohnungen und Tagegelder bezahlt und den Kontakt zu Eltern und Partner*innen der Künstler*innen in Australien gesucht. Als klar wurde, dass die Schließung anhalten würde, hat sie beschlossen, die Räumlichkeiten des leeren Theaters Berliner Künstler*innen als Residenz kostenfrei anzubieten.

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Viktor Schoner, Foto: Staatsoper Stuttgart


Viktor Schoner, Intendant Staatsoper Stuttgart

Als der erste Lockdown im März kam, und es dem Staatstheater Stuttgart nicht möglich war, freischaffenden Künstler*innen, die für abgesagte Opernproduktionen unter Vertrag standen, Ausfallhonorare zu bezahlen, gelang es Viktor Schoner und seinem Team im Handumdrehen neue, unkonventionelle Darbietungsformen ins Leben zu rufen. Für deren Umsetzung buchte er hauptsächlich freischaffende Künstler*innen, um auf diesem Wege ihren Verdienstausfall zu begleichen.

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Matthias Schulze-Kraft, Foto: G2 Baraniak


Matthias Schulze-Kraft und das Team des LICHTHOF Theater

Das LICHTHOF Theater unter Leitung von Matthias Schulze-Kraft sticht durch ein vielschichtiges, diverses, stadtteilorientiertes, buntes Programm aus der hamburgischen Freien Theaterszene heraus. Insbesondere arbeiten die Teams dort relativ unbeeindruckt von der Pandemie mit einer unerschütterlichen Phantasie an abwechslungsreichen digitalen Formaten nach dem Motto: Nicht jammern, machen. Diesem kleinen Theater gelingt es auch in diesen für die Kultur schwierigen Zeiten einen breiten künstlerischen Austausch zu ermöglichen und ein vitaler Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu bleiben. Das ist auszeichnungswürdig!

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Sandra Hinz und Erich Sidler; Foto: Frank Stefan Kimmel


Erich Sidler (Intendant) und Sandra Hinz (Geschäftsführerin), Deutsches Theater
Göttingen

Die Leitung des Deutschen Theaters Göttingen hat schnell entschieden, dass es nicht zwingend nötig ist die Nicht-Digitale Kunstproduktion einzustellen, nur weil die Theater geschlossen sind. So hatte z.B. das Drive-Through-Projekt DIE METHODE mit Ausnahmegenehmigung der Stadt weit vor dem offiziellen Ende des ersten Lockdowns eine reale Premiere und schaffte es, den realen Kontakt zu Zuschauer:innen frühzeitig wieder aufzunehmen. Offen für Innovationen und diese auch finanziell und personell ermöglichend – so wünscht man sich häufiger Theaterleitungen.

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Isolde Wabra; Foto: Kresch Theater


Isolde Wabra und das Team des KRESCH Theater Krefeld

Isolde Wabras Fokus angesichts der Unberechenbarkeit der Situation lag einerseits auf Publikumssicherheit, andererseits auf der Verantwortung für die freischaffenden Künstler*innen, die regelmäßig am KRESCH arbeiten. Dabei ging sie mit Ideenreichtum und Flexibilität vor: ausfallende Vorstellungen wurden durch Ersatzveranstaltungen kompensiert, Schlupflöcher für Ausfallgagen gefunden. In Absprache mit dem NRW-Kultusministerium konnte sie erreichen, dass Klassenzimmerstücke, als Bildungsveranstaltungen deklariert, trotz allem stattfinden dürfen.
Und alles selbstverständlich unter genauer Beachtung der Hygienevorschriften.

Kresch Theater Team, Foto: Kresch Theater